Glosse

Mahlzeit

Mittagspause, die:

Zeitraum nach dem Knoppers und vor dem Nachmittagstief, in welchem idealerweise die bunte Vielfalt der unterschiedlichsten Esstypen zur gemeinschaftlichen Erholung und Einnahme einer Mahlzeit um einen möglichst großen Tisch zusammenkommt und dabei tagesaktuelle Erfahrungen, Salzstreuer und Zewarollen austauscht.

So vielfältig das Essensangebot zur Mittagszeit ist – so vielfältig sind die Ess-Typen, die sich universell in jedem Bürodschungel tummeln. 5 Typen stechen dabei besonders hervor und bekommen im Folgenden sanft ihr Frittenfett weg.


Typ 1 – „Wo bestellen wir heute?“

Es ist 11 Uhr und die ersten Mägen fangen an zu knurren. Zwischen Kundenmails und Kalender-PopUps ploppt eine kleine Skype-Message auf. Die Essensgruppe.


„Wir bestellen heute Burger. Mag wer was?“ (Das sehnsuchtsvolle Stöhnen einiger Vertreter des Typs 3 -„Ich bin auf Diät.“- vermochte es lange Zeit, den Plopp-Ton der Skypenachricht zu ersetzen. Mittlerweile aber nicht mehr – Typ 3 hat die Gruppe verlassen. Aber zu ihm später mehr.)


„Ja cool, ich nehm‘ den doppelten Veggiburger, der ist ja heute im Mittagsangebot, super!“, schreibt Kollegin A und vergisst völlig, dass sie sich beim Snowboarden am Wochenende den Arm gebrochen hat und sich vermutlich schwer tun wird, einhändig einen kuchentellergroßen Burger zu verspeisen, ohne sich selbst, den Nebenmann oder das komplette Büro mit Bröseln und Ketchup zu benetzen. Aus Solidarität erklären sich einige Kollegen dazu bereit, ihren Burger ebenfalls einhändig zu essen – scheitern aber schnell und fahren doch lieber fort mit der gelassenen Sicherheit des Zweihänders. Zum Glück eilt Kollegin B zu Hilfe und schneidet Kollegin A den Riesenburger in kleine, mundgerechte Häppchen.


Das ist Teamgeist!


Typ 2 – „Ich ess‘ nix.“

Häufig angesiedelt in der Nachtschicht – aber nicht nur – ernährt sich Typ 2 von Energydrinks und Zigaretten: „Hast du das neue Bull Orange probiert? Schmeckt wie Fanta, aber irgendwie viel natürlicher.“ Der Nicht-Esser wird häufig mit großen Augen angeguckt und gefragt, warum der denn nicht mit isst. Mit der einen Hand die Dose Bull Orange umklammernd, mit der anderen munter auf dem Smartphone durch die Timeline swipend: „So früh krieg ich nichts runter.“ oder „Dann werd‘ ich nur müde und träge.“


Kollegin A schaut kurz auf – Schweißtropfen auf der Stirn vor koordinatorischer Anstrengung – und denkt sich kurz ‚Mensch, der hat’s gut …‘


Typ 3 – „Ich bin auf Diät.“

Leicht auffindbar am Knuspern des Knäckebrots, das es als gesunde Kohlenhydratbeilage zum Frisée-Salat mit mitgebrachtem Dressing gibt. Typ 3 kann Kalorientabellen rezitieren wie herausragende Textstellen historischer Prosa und sitzt meistens nicht in direktem Blickwinkel zur gemeinschaftlichen, immer gut gefüllten Süßkramschale: „Ich muss das Zeug nur angucken und schon ist es auf der Hüfte!“


Sitzt Typ 3 in der Mittagspause neben dir, fühlst du dich immer ein bisschen schlecht (außer natürlich du gehörst zu Typ 2) – entweder aus Mitgefühl, weil du wieder die geile Pizza vom Vorabend dabei hast, oder aus Ehrfurcht, weil du wieder nur die fettige Pizza vom Vorabend dabei hast.


Damit kommen wir zu …


Typ 4 – „Ich hab Reste dabei.“

Diese Reste können alles sein. Angefangen bei der Pizza von gestern reicht die Bandbreite von Salzkartoffeln mit Kräuterquark über Käsespätzle bis hin zum Schweinekrustenbraten, den es Sonntagabend für die Schwiegereltern gab, die aber leider nicht so viel davon gegessen haben, wie erhofft.


Typ 4 ermuntert immer wieder zum heiteren Resteraten, wenn das Mitgebrachte seine Duftnuancen beim Aufwärmen in der Mikrowelle in wirklich jeden Winkel des Büros weht. (Armer Typ 3 …) Häufig handelt es sich aber auch einfach nur um eine Tupperbox voll geruchsneutraler Nudeln, die ja bekanntermaßen in gekochtem Zustand um die 6-fache Menge anwachsen und locker für 5 reichen (Tage und Personen).


Typ 5 – „Ich hab keine Zeit.“

Diese wilde Kombination aus Typ 1 bis 4 dinniert aus Gründen der Zeitersparnis irgendwann zwischen 15 und 16 Uhr einfach vor dem Computer und vollführt vor den Augen der Kollegen eine waghalsige Multitasking-Performance mit Gabel, Tastatur und Headset.


Der wahre Profi nutzt dabei das gemeinhin unbeliebte „Keine Rückmeldung“-Fenster als willkommene Gelegenheit zum nächsten Bissen und hat das kleckerfreie Einnehmen seines Mahls nach dem Verschleiß unzähliger Computereingabegeräte nahezu perfektioniert.

 

Na dann, Mahlzeit!

 

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